14.11.2009 - von Gernot Kirch, Nibelungen Kurier
Das Aktionsprogramm „Soziale Stadt“ ist keine Wormser Erfindung, sondern es gibt sie bundesweit. Aber in Worms, speziell im Wormser Süden, sei sie mustergültig und mit Modellcharakter weit über die Grenzen der Nibelungenstadt hinaus umgesetzt worden. So das Urteil des unabhängigen Experte, Dr. Matthias Sauter von der Universität Duisburg-Essen, auf einem Fachforum über das Projekt am Montag im Roten Haus. Um was handelt es sich eigentlich bei der „Sozialen Stadt“ genau? Die „Soziale Stadt“ ist ein Städtebauförderprogramm für Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf, das 1999 vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie der Bundesländer ins Leben gerufen wurde. Ziel des Programms ist es, die Abwärtsspirale in benachteiligten Stadtteilen zu stoppen und die Lebensbedingungen zu verbessern.
Dabei handelt es sich um einen ganzheitlichen Ansatz. Dies bedeutet, dass sowohl die Bausubstanz durch Sanierungsmaßnahmen wie auch die gesellschaftliche Integration der Bewohner in das soziale Gefüge der Stadt verbessert werden sollen. Das soziale Gefüge bedeutet dabei etwa die Förderung der schulischen Ausbildung, die Suche nach Lehrstellen oder die Einbindung der Menschen in Vereine sowie das kulturelle Leben. Im Jahr 1999 startete die „Soziale Stadt“ bundesweit mit 161 Stadtteilen in 124 Städten. Nach den letzten vorliegenden Zahlen waren es mit Stand von 2008 insgesamt 523 Gebiete in 326 Kommunen. Das Gebiet um die Boosstraße und Horchheimer Straße, ist seit dem Jahr 2004 in das Förderprogramm aufgenommen worden. Von Beginn an war es ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Worms, der Wohnungsbau GmbH und der Diakonie sowie, und dies ist ganz wichtig, der Bewohner des Gebietes. Und nur aufgrund dieses engen Zusammenwirkens, das beispielhaft für das Förderprogramm „Soziale Stadt“ ist, konnte der „Wormser Süden“ zu solch einem Erfolgsmodell werden.
Was wurde nun konkret gemacht? Insgesamt wurden 32 einzelne Mikroprojekte durchgeführt, an denen 412 Personen teilgenommen haben. Dies reichte von Gesundheitskursen über Sprachkurse für ausländische Frauen, Vermittlung von Kenntnissen in Gartenbau und Handwerk bis hin zu Medientagen, bei denen der Umgang mit Computer und Kamera geübt wurde. Ganz wichtig dabei, dass nur das gemacht wurde, was die Bewohner auch wollten. Denn allzu oft wurde bei Projekten in anderen Städten die Erfahrung gemacht, dass Projekte von „oben“ angeschoben wurden, die „unten“ bei den Bewohnern aber nicht ankamen, da sie nicht gewünscht oder als notwendig erachtet wurden. Wichtige Bausteine waren auch die Hausaufgabenhilfe für Schulkinder und das Suchen und das Vermitteln von Lehrstellen. Sinnvoll war es diesbezüglich, dass man im Wormser Süden auf bereits bestehende Strukturen, die schon seit Jahren erfolgreich arbeiteten, wie etwa der Spiel- und Lernstube, zurückgegriff en hat und nicht dachte, man müsste das „Rad neu erfinden“. Neben den sozialen Projekten wurde natürlich auch in die Bausubstanz der Häuser investiert. So wurden die ehemaligen Einfachwohnungen in moderne Apartments umgewandelt. Ein Schlüssel zum Erfolg war sicher auch die Einsetzung von Jürgen Maier als Quartiermanager, der für alle Personen, sowohl Bewohner wie Angestellte der Verwaltung, da war. Der Quartiermanager war es auch, der dem Süden gerade Gesprächen mit der Stadt oder anderen Kooperationspartnern, ein Gesicht gegeben hat.
Durch die vielen kleinen Schritte ist es gelungen, dass zahlreiche Jugendliche die Mittlere Reife gemacht haben oder nun gar das Abitur anstreben. Wichtig auch, dass das negative Image der Boosstraße zwar noch nicht ganz verschwunden ist, es aber lange nicht mehr solch heftige Emotionen hervorruft wie früher. Dennoch bleibt für das letzte Förderviertel noch einiges zu tun. Als nächste Schritte soll der Kontakt zwischen Bewohnern und umliegenden Gewerbebetrieben verbessert werden, so dass der eine oder andere Jugendliche dort vielleicht sogar eine Lehrstelle erhält. Nicht immer wunschgemäß verlaufe, nach Aussage von Quartiermanager Jürgen Maier, auch die Kooperation mit den Schulen. Hier wünsche er sich mehr Aufgeschlossenheit bei den Verantwortlichen. Ein Ziel ist auch die Ausweitung des Fördergebietes auf andere Gebiete des Wormser Südens. Doch bleibt bei allem Eifer, mit dem die Zukunft angepackt wird, auch der stolze Blick zurück auf das Geleistete. Hier bedankte sich OB Kissel auf dem Fachforum bei allen Beteiligten für ihr großes Engagement: „Durch das Programm wurde ein sozialer Brennpunkt entschärft und es ist gelungen Menschen der unterschiedlichsten Kulturen zu einer Gemeinschaft zusammen zu führen.“
Quelle: Nibelungen-Kurier